Promotionsprojekt

 

Zur Konstruktion von Identität Online: Ein interkultureller Vergleich

Es kann nachgewiesen werden, dass die Frage der Identität in einer global medialisierten Welt von anderen Faktoren beeinflusst wird als in der Moderne: Mit der Zunahme medial geschaffener Freiheitsräume nehmen auch die Möglichkeiten der Selbstidentifikation für Individuen zu. Kennzeichnend für diese individuelle Selbstdistinktion ist, dass sie in dem Spannungsfeld sich ausbreitender, beziehungsschaffender, zunehmend globalisierter Ressourcen einerseits, sowie differenzstiftender, bestehender, lokaler Kulturen anderseits, stattfindet. So ist es charakteristisch für die globalisierte Welt, dass es das medienbezogene „Hinter-dem-Berg-sein“ nicht mehr gibt:

„Die Ferne wird in gewisser Weise nah. Peripherie ist nunmehr allein an den Ausschluß von einem stabilen, technisch funktionierenden Zugang gebunden. Traditionelle geographische Kriterien treten auf dieser Ebene in den Hintergrund. Sphären der Gleichzeitigkeit und einer extrem komprimierten Gegenwart breiten sich aus.“ (Nothnagel 2002: 57)

Während ältere Medien – wie Fernsehen oder Video – hinsichtlich dieser Prozesse und ihrer Wirkungen bereits Gegenstand zahlreicher Untersuchungen waren, liegt für den digitalen Raum als Medium für Identitätsbildung bis jetzt keine kulturvergleichende Analyse vor – obwohl eine fallübergreifende Betrachtung hinsichtlich vieler Fragestellungen besonders lohnenswert erscheint. So heben die multimodalen Räume des Internets die klassische Trennung zwischen massenmedialer und interpersoneller Kommunikation auf und eröffnen neue Kommunikationsmöglichkeiten, welche zur Produktion von Lokalität, Kultur und Identität genutzt werden.

Daher verfolgt das Dissertationsprojekt das Ziel, die Relevanz von Online-Kommunikation und -Interaktion für die Konstruktion, Repräsentation, Reproduktion sowie Transformation von kultureller Identität zu bestimmen. Als Untersuchungsgegenstand dienen dabei Online-Gemeinschaften in Second Life, insbesondere deutscher sowie japanischer und indischer Gruppen. Das Forschungsprojekt wird einen Überblick über die Anzahl, Auftrittsweisen, Nutzerfrequenzen, Nutzergruppen und technischen Möglichkeiten – wie Interfacegestaltung und Kommunikationsangebote – von kulturspezifischen, digitalen Sozietäten zu einem arbeitstauglichen Gesamtbild verdichten. Hiernach analysiert die Studie die digitalen Repräsentationen der Gruppenmitglieder (Avatare) hinsichtlich der verwendeten grafischen Repräsentationen wie Farbwahl und indigener beziehungsweise gruppeninterner Symbolik. Weiterhin werden die Regeln und Strukturen tatsächlicher Handlungen, Haltungen und Einstellungen der Mitglieder sowie die gruppeninterne und -externe Kommunikation hinsichtlich der Kommunikation von kultureller Identität einer Analyse unterzogen werden. Mit deren Ergebnis wird es möglich sein, Muster der kulturellen Identitätskommunikation und -transformation im digitalen Raum nachzuzeichnen. Abschließend wird anhand dieser Datensammlung die Bedeutung sowie das Potenzial von Konstruktion und Kommunikation von Identität im digitalen Raum erfasst und definiert – und die bedeutungsunterscheidenden (distinktiven) und abgrenzenden (demarkierenden) Eigenschaften des Prozesses von kultureller Identitätsbildung sowie der „Ethnogenese“ von ethnischen Gruppen im digitalen Raum herausgearbeitet.

Folgende Fragestellungen stehen daher im Mittelpunkt:

  • Wie wird Identität online konstruiert und kommuniziert?
  • Über welche Potenziale zur Aufrechterhaltung und Bildung von sozialer Identität verfügen die „Situated Communities“?
  • Worin bestehen spezifische Freiheitsgrade, Qualitäten, Potenziale und Grenzen der Online-Kommunikation von Identität?
  • Wer sind die Adressaten dieser Online-Habitate?
  • Worin besteht das Interesse von Gruppen, Identität online zu kommunizieren?
  • Inwieweit sind die Ziele solcher Repräsentationen bei verschiedenen ethnischen Gruppen identisch?
  • Wie werden die Freiheitsräume von Second Life für soziale Kategorisierung und Differenzierung genutzt?