Cyberanthropologie

 

Cyberanthropologie oder die Anthropologie der Cyberkultur ist der Teilbereich der Ethnologie, welcher sich mit der kulturellen Einbettung der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) und ihrer soziosymbolischen Konstruktionen innerhalb menschlicher Gesellschaften befasst. Im Fokus dieses Forschungszweiges stehen daher besonders die kulturellen Ausprägungen der sozialen Kommunikations- und Interaktionsräume im Internet und den jeweiligen soziokulturellen Kontexten.

Alexander Knorr, Betreuer meines Dissertationsprojektes, beschreibt diesen Teilbereich wie folgt:

Im weitesten Sinne bedeutet ‘Cyberanthropology’ den ethnologischen Versuch, die kulturell informierten Beziehungen zwischen dem Menschen und denjenigen technologischen Artefakten, die modellhaft als kybernetische Systeme beschrieben und vorgestellt werden können, zu verstehen. Zu diesen Beziehungen zählt auch das Zusammenbringen von Technologie mit menschlichen und anderen biologischen Organismen, menschlicher Gesellschaft und der sozioökologisch geformten Umwelt. Aber durch jüngste Diskurse, die sich um Metaphern wie ‘Globalisierung’ und ‘information age/society’ ranken, geraten insbesondere ‘Information and Communication Technologies’ (ICTs) wie Computer und Internet in den Fokus der Cyberanthropology. Der Komplex ‘Mensch und ICTs’ entfaltet in drei großen Bereichen seine Bedeutung für die Ethnologie:

1. ICTs als Werkzeuge für die Ethnologie: Das Spektrum reicht von der Benutzung eines Computers “als Schreibmaschine” (Produktion), über die Benutzung und/oder Erzeugung von online-Datenbanken und Katalogen (Recherche und Dokumentation), die Verwendung von ICTs in der Lehre, die Kommunikation und Zusammenarbeit mit Kollegen oder gar Informanten mittels der Internet-Infrastruktur, bis hin zur theoriegeleiteten Entwicklung neuer Darstellungsformen ethnologischer Erkenntnis (Repräsentation). Letzteres sollte besonders von der durch ‘writing culture’ angestoßenen Debatte und der Visuellen Anthropologie profitieren.

2. ICTs ‘im Feld’: Die Untersuchung von Veränderungen und Innovationen durch Rezeption und Aneignung von ICTs. Dies bezieht sich sowohl auf neuentstehende soziale und kulturelle Erscheinungen im ‘klassischen Feld’ der Ethnologie und in der ‘westlichen’ Welt, als auch auf kreative Modifikationen der Technologien selbst.

3. ‘Cyberspace’ als Feld: Das bedeutet die ethnologische Betrachtung, Analyse und Interpretation neuer soziokultureller Phänomene, welche in dem insbesondere durch ‘computer-mediated communication’ (CMC) entstehenden konzeptuellen interaktiven Raum (“Cyberspace”) auftauchen. Dazu zählen nationale und transnationale online-Gruppen, aber auch Bewegungen wie Open Source, sowie die dazugehörigen gesellschaftlichen, ökonomischen und rechtlichen Problematiken. (Knorr, A. 2005)

 

Für eine Historie der Cyberanthropologie siehe hier.